Veröffentlicht in Creative, Mika

#16 Mika- II

Je näher sie der Brücke kam, desto heftiger zog der Wind an ihrer Kapuze, die Schutz und Bändigung ihrer Haare zugleich war. Ihre helle Haut würde sie in dieser Dunkelheit verraten, obwohl sie ihr Bestes getan hatte, sie mit Kohl und Asche abzudecken. Und ihre Haare, die inzwischen zwar einen Schwarzton angenommen hatten, dennoch zu leuchten schienen. Er hatte immer gesagt, dass er noch nie so eine klare, helle Haarfarbe gesehen hatte und sie deshalb liebte.

Sie hatte kaum einen Schritt auf die Brücke gesetzt, als der Himmel aufriss und freie Sicht auf den Mond gab. Sie trug keinen Schmuck, in dem sich das Mondlicht, oder das Licht der Lampen auf der Brücke, verfangen konnte. Selbst ihre geliebten Ohrringe hatte sie hierfür abgelegt.

Dennoch konnte nur ein aufmerksamer Beobachter sehen, wie sie mit schnellen, weit ausholenden Schritten sich der Mitte der Brücke näherte. Sie war komplett in Schwarz gekleidet – man musste sie schon erwartet haben, um ihrer Gegenwart gewahr zu werden.

Diese Brücke war schon mehrere Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte alt und im Laufe der Zeit immer mal wieder restauriert worden. Sie war das einzige, was diese Insel mit dem Festland verband,

Dennoch lag sie bei Sturmflut unter Wasser und war danach tagelang nicht begehbar. Seit ihrem letzten Besuch hatte man dicke Stahlseile an beiden Enden der Brücke gespannt, wohl, um ihr zusätzlichen Halt zu geben.

Der Wind riss an ihnen, bewegte die Brücke, gab einen das Gefühl, dass sie jeden Moment einbrechen konnte. Dass das tiefe Wasser, das gemächlich unter ihr floss, einen verschluckte.

Sie ging mitten auf dem rissigen Asphalt, darauf bedacht, keinen falschen Schritt zu tun. Sie hatte das Gefühl, alles zu vermasseln, wenn sie nicht genau in der Mitte ging. Er würde auf sie warten. Genau auf der Mitte der Brücke.

Sie hob ihren Blick nicht vom Boden… von den Spitzen ihrer Stiefel auf. Sie wusste, was sie erwartete. Wenn sie wollte, konnte sie blind diesen Weg gehen, ohne, dass sie auch nur einen Millimeter davon abkam. Ohne eine Sekunde zu spät zu kommen.

Sie brauchte ihre Umgebung nicht zu scannen, sie war eh die einzige Person, die in dieser Nacht auf dieser Brücke unterwegs sein würde. Um jemanden zu treffen, der ein Meister darin war, Träume und Hoffnungen zu zerstören. Ihre Träume und Hoffnungen.

Sie brauchte ihre Schritte nicht zu zählen, um zu wissen, dass sie in der Mitte angekommen war. Wann der richtige Zeitpunkt gekommen war, den Kopf und damit auch ihren Blick zu heben. Es war ein Gefühl aus ihrem tiefsten Inneren, das den Takt angab. Bestimmte, wie sie sich bewegte, wie sie sich verhielt. Welche Gefühle und Gedanken sie zu welchem Zeitpunkt zuließ und wann nicht.

Und dann war der Moment gekommen, vor dem sie sich nicht nur in den letzten Minuten und Stunden gefürchtet hatte. Sondern jeden einzelnen Moment, seit sie von ihm getrennt war.

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