Veröffentlicht in Creative, Mika

#30 – Mika III

Ja, ich weiß, dass heute Freitag ist und somit eigentlich ein Artikel aus dem Daily Life ansteht. 😉

Da ich mich aber in den letzten Wochen ziemlich in meinem Zimmer vergraben und nur geschrieben habe, ist da nicht so wirklich viel Erwähnenswertes passiert (wer es trotzdem will, kommentieren 🙂 Dann setz ich mich doch noch hin 😉 ).

Deshalb erhaltet ihr heute eine Szenen-Fortsetzung von der Geschichte, die bis jetzt unter „…“ hier veröffentlicht war und inzwischen den Arbeitstitel „Mika“ hat.

Viel Spaß beim Lesen!

Der Regen suchte sich scheinbar genau den richtigen Zeitpunkt aus, um aus den Wolken zu brechen. Er kam, nicht wie gewöhnlich, erst mit einem Nieseln herunter und wurde dann stärker. Nein, es war, als würde man eine unsichtbare Grenze überschreiten, ohne es zu wissen. Plötzlich war er da und kam mit einer Heftigkeit runter, die der eines Tropensturms gleichte.

Der Wind hatte sich längst ihrer Kapuze ermächtigt und sie ihr vom Kopf gerissen. Zerrte an ihrem Mantel, der nur vom Gürtel an ihrem Körper festgehalten wurde. Zerzauste ihre bereits nassen Haare, die jetzt doch ins Gesicht wehten.

Doch sie machte sich nicht die Mühe, sie aus dem Gesicht zu streichen. Sie musste nicht einmal dem Drang, zu blinzeln widerstehen, während sie ihre Augen, ihren Blick nach vorne gerichtet hatte.

Es war zuerst eine kleine Gestalt am anderen Ende der Brücke. Kaum für das bloße Auge zu erkennen. Doch sie musste die Person nicht erkennen, um zu wissen, dass er es war. Sie spürte es. Mit dem leichten Kribbeln unter ihrer Haut, das eingesetzt hatte, seit sie sich seiner Gegenwart bewusst war. Mit dem trockenen Hals, der ihr gleich das Sprechen schwermachen würde. Mit der Wärme, die sich in ihr ausbreitete. Mit dem Gefühl des Triumphs, das ihr einmal mehr bestätigte, sich nur auf ihre Instinkte zu verlassen. Mit den Erinnerungen, die sie zuließ, als er näherkam. Mit dem Schmerz, der sie innerlich zerriss.

Er war derjenige gewesen, der dieses Treffen initialisiert hatte. Der sie gezwungen hatte, aus vielen Bruchstücken eine Nachricht zu entziffern. Der diesen Ort, diesen Zeitpunkt ausgewählt hatte, sich mit ihr zu treffen. Der ihre Neugierde gestillt hatte und neue Hoffnung entflammte.

Gleichzeitig war er auch der unberechenbarste Mensch, den sie kannte. Keine seiner Handlungen waren vorhersehbar, selbst für einen Menschen, der zumindest einen großen Teil seines Lebens an seiner Seite verbracht hatte. Es war eine Eigenschaft, die gleichzeitig anziehend und abstoßend wirkte. Eine Wesensart an ihm, die sie über alles auf der Welt liebte. Trotz dem, was er ihr zugefügt hatte. Trotz dem, was passiert war.

Dennoch waren auch Zweifel in ihr. Ob seine Worte Wahrheit wurden. Ob er ein einziges Mal ihre Hoffnungen nicht zugrunde richtete. Einmal in seinem Leben berechenbar sein würde. Das tat, was sie von ihm erwartete. Ob er wirklich auftauchte.

Jeder seiner Schritte war genauso leise wie die der ihren vor wenigen Minuten. Jedoch geschmeidig und sprunghaft, jeden Moment dazu bereit, umzukehren. Seine Bewegungen waren flüssig, keine von ihnen unnötig. Es war nicht das erste Mal, dass sie ihn so beobachtete, doch das erste Mal, dass sie wirklich Angst davor hatte, wenn er schließlich vor ihr stand.

Sie arbeitete sich von seinen mit Stahl beschlagenen Schuhen nach oben, nahm jeden Zentimeter von ihm auf. Die enganliegende Hose, darunter sich deutlich die Umrisse der Waffen, die er am Körper trug, abzeichneten. Hoch zum Gürtel, in dem sich das Mondlicht spiegelte und sie für einen Moment fast blendete. Zu seinem nackten Oberkörper und den nackten Unterarmen, auf denen noch nicht einmal ein Anflug einer Gänsehaut zu erkennen war. Obwohl die Temperatur nahe dem Gefrierpunkt lag und der Regen, der sie erreichte, sich eher wie Hagelkörner auf ihrer Haut anfühlten.

Der Wind hob seine Haare an, die länger geworden waren und sein Gesicht umspielten. Dennoch verloren sie nicht die von ihm gegebene Form. Ihr Blick zentrierte sich, wanderte endlich höher, zu seinem Mund, der zu einem spöttischen, aber dennoch fröhlichen Lachen verzogen war. Zu der Nase, die trotz mehrmaligen Brüchen noch genauso gerade war, wie immer. Zu den markanten Wangenknochen, die kein bisschen an Schärfe verloren hatten.

Sie traute sich nicht, ihm in die Augen zu schauen, seinen Blick zu erwidern. Sie wusste, was sie dort erwartete und gleichzeitig fürchtete sie sich davor. Seine stahlgrauen Augen hatten mehr Gefühl in sich verborgen, wie sie je bei einem Menschen seitdem gesehen hatte. So viel Liebe, so lebendigen Hass hatte sie seither in keinen anderen Augen gesehen.

Der Regen lief ihr wie Tränen vom Gesicht hinab, als sie endlich ihre Stimme erhob. Das Wort, das sie sprach, war kaum zu hören. Sowohl wegen des fast peitschenden Wind, der den Regen vor sich hertrieb. Aber auch von ihrer eigenen Unfähigkeit, es laut auszusprechen. Ein Wort, das nie trauriger, nie schmerzerfüllter und nie anklagender wie in diesem Moment ausgesprochen wurde.

„Warum?“

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