Veröffentlicht in Creative, Unsortiert

#45 – Dauerprojekt II

Ich bin gerade über eine verworfene Szene aus meinem Dauerprojekt gestoßen. Hab beim Durchlesen richtig gemerkt, wie sehr sich meine Art, zu schreiben, doch verändert hat.

Da ich sie wohl nie wieder reinholen werde, teile ich sie zumindest mal hier, damit sie nicht ganz umsonst war 🙂

 

Viel Spaß beim Lesen 🙂

„Du solltest nicht hier so rumsitzen.“

Ich hörte ein leises Rascheln; im nächsten Augenblick lag sein hautwarmes Hemd schon um meine Schultern. Es war zwar viel zu lang, erfüllte aber seinen Zweck: mich nicht auskühlen zu lassen.

„Meine Sachen sind versaut, neue will ich nicht anziehen. Ich wäre sowieso nicht rausgegangen.“

Mit dem Ellenbogen stieß Li-Ren das Fenster an, damit es ein Stück weiter zu ging, und setzte sich dann mir gegenüber auf die Fensterbank. Der laue Wind, der mir gerade meine Haare noch aus dem Gesicht geblasen hatte, verschwand. „Du solltest vorsichtiger sein.“

„Wenn ich jemanden brauche, der mit die Leviten liest, dann gehe ich zu Kieran“, maulte ich und stieß seine Beine weg. Dreist wie immer hatte er sie über meine eigenen gelegt. Da er aber eine beträchtliche Menge mehr Muskeln als ich hatte, war es ziemlich schwer.

„Er macht sich selbst Vorwürfe, dich nicht ausreichen beschützt zu haben“, erwiderte Li-Ren. Ich hatte das Gefühl, dass er sich dabei nicht nur auf die hauchfeine Wunde an meinen Hals bezog. Nur ein paar Millimeter tiefer und das Messer hätte meine Halsschlagader verletzt. Glück im Unglück also. „Das solltest du doch verstehen können.“

„Wir sind hier in der Verlassenen Stadt. Er kann mich nicht immer beschützen. Du weißt, dass es hier schon immer gefährlich war.“

Keiner wusste so recht mehr, wie die Verlassene Stadt überhaupt entstanden war.  Herrschende Meinung war, dass die Verlassene Stadt ursprünglich das Projekt des 20. Jahrhunderts gewesen war. Damals sollen sich vier ziemlich reiche Familien zusammengeschlossen und geplant haben, eine hochmoderne Stadt zu errichten. Dazu sollte ein riesiger Tower in der Mitte errichtet werden, an dem sich alle Familien beteiligten. Man begann gerade, die ersten Häuser um den fast fertigen Tower zu bauen, als angeblich aufgrund eines nicht näher bekannten Unfalls fast alle Arbeiter in der Stadt starben.

Seither wurde die Stadt von jedem, der sich nicht selber schaden wollte, gemieden. Denn nach und nach siedelten sich diejenigen in der Stadt an, die entweder von der Gesellschaft verstoßen worden waren oder sich nicht angepasst hatten. Doch auch für die Mafia war es ein wichtiges Territorium. Sie prägten das Sprichwort, dass alle Wege zur Verlassenen Stadt führen, wenn man sie nur gehen will.

Hier, in der halbfertigen Stadt lebten wir also, schon mehrere Jahre. Die ersten Monate hätten wir wohlmöglich nicht überlebt, wenn wir nicht beschützt worden wären. Unsere Halbbrüder Kean und Kenta hatten uns mit ihrem einzigartigen Kampfstil mehr als einmal vor dem Tod gerettet. Zuerst verschwand Kenta, dann, nach einiger Zeit, verschwand auch Kean, ohne irgendeinen Grund. Doch als wäre sein Verschwinden ein Zeichen gewesen, machte der damals in der Stadt tobende Krieg nach und nach dem Frieden Platz, der auch heute noch herrschte.

Wenn man jetzt einfach so aus dem Fenster sah, wie ich es getan hatte, bevor Li-Ren reingekommen war, sah es so aus, als wäre es ein Ausblick aus einer beliebigen Berghütte, hoch auf dem Berg. Ruhig, friedlich, weltfern…

 „Ashlyn! Wo bist du nur wieder mit deinen Gedanken?“, fragte Li- Ren beinahe vorwurfsvoll, als er merkte, dass ich ihm nicht zuhörte. „Wie geht’s deiner Wunde?“

Ich schüttelte leicht den Kopf und schaute wieder zu ihm rüber. „Diane ist eine Meisterin ihres Faches; ihr braucht euch keine Sorgen zu machen. Sie blutet noch nicht einmal mehr.“

Obwohl Frieden herrschte, kam es ab und zu zu kleineren Machtkämpfen, in dem die Stärke der einzelnen, territorialen Herrscher auf den Prüfstand kamen. Um Li-Ren zu demonstrieren, dass ich trotz der Wunde immer noch so schnell war wie sonst auch, griff ich blitzschnell nach vorne und nahm ihm die Zigarette weg, die in seinem Mundwinkel fröhlich vor sich hin glomm. Der süßliche Duft, der von ihr aufstieg, hatte sich schon im ganzen Zimmer verbreitet – trotz des halboffenen Fensters.

„Du weißt, dass Kieran es nicht mag, wenn jemand in meiner Gegenwart raucht. Es verstärkt die Häufigkeit meiner Anfälle. Was ist das? Riecht anders als das, was du sonst immer rauchst.“

„Alles natura, keine Angst. Die Mischung ist von unserem Ökofreak Aki“, beruhigte Li-Ren mich und beugte sich nach vorne, um wieder an der Zigarette zu kommen.

„Ich will’s hoffen. Du weißt, was mit denjenigen passiert, die Ashlyn verletzen.“

Wir beide drehten uns zu der Stimme um, die aus entgegengesetzter Richtung kam. Es war ein bisschen makaber, dass er andere dafür schalt, in meiner Nähe zu rauchen, wenn er selbst eine Zigarette in der Hand hatte. Wenn man ihn so betrachtete, glaubte man kaum, dass wir beide Zwillinge waren. Er wirkte älter, viel älter sogar als Li-Ren, der immerhin ein eineinhalb Jahre älter war als wir. Doch das Leben als Anführer der „Fallenz“ und als Ritter an meiner Seite hatten bei ihm zu viele Spuren hinterlassen, als dass er noch derjenige hätte bleiben können, der er gewesen war.

„Wie geht’s André?“, fragte ich und wollte so vom aktuellen Thema ablenken.  Das ganze führte nur wieder zu einer sinnlosen Diskussion, der ich jetzt nicht beiwohnen wollte.

Wie immer dauerte es einen Moment, bis ich mich von seinem plötzlichen Auftauchen erholt hatte. Ich war es so gewöhnt, dass er immer neben mir war, dass es mich jedes Mal erschreckte, wenn er nach seinem Verschwinden wieder auftauchte. Ich sprang auf, ging ihm einige Schritte entgegen. „Kann ich zu ihm? Immerhin wurde er…“

„Er ist bewusstlos, aber über den Berg“, unterbrach Kieran mich. „ Zimmer 109. Bleib aber nicht lange.“

Ich nickte und war fast an ihm vorbei, als er mich mit einer leichten Körperdrehung, die Kajen kaum gesehen haben durfte, aufhielt. Erstaunt schaute ich ihn an, doch die Härte, die gerade noch eben in seinem Blick gewesen war, war verschwunden.

„Als meine Schwester und Anführerin der „Fallenz“ solltest du wenigstens halbwegs angezogen sein, wenn du dein Zimmer verlässt“, sagte er und schloss einige Knöpfe des Hemdes. Seine kühlen Fingerspitzen berührten dabei meine Haut – und die Narbe, die sich quer über meinem Hals zog. „Danke Ren.“

Ich warte geduldig ab, bis ich ‚gesellschaftsfähig‘ war, bevor ich meinen Weg fortsetzte. „Irgendetwas ist heute anders“, hörte ich Li-Ren auf dem Gang sagen, obwohl er leise sprach. „ Ashlyn hat es auch bemerkt.“

„Das brauchst du mir nicht erzählen. Wenn sie wüsste, was es ist, hätte sie es mir schon längst gesagt“, seufzte Kieran, bevor ich um die Ecke bog und aus der Hörweite war.

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2 Kommentare zu „#45 – Dauerprojekt II

  1. Das mit der Verlassenen Stadt klingt nach einer sehr spannenden Welt, die du da geschaffen hast. Mich irritierte beim Lesen jedoch, dass ich die Anzahl der Personen nicht ganz ermitteln konnte und zum Schluss die Ich-Perspektive bruchlos von Ashlyn zu… ja, zu wem eigentlich wechselte?
    Aber Übung macht ja bekanntlich den Meister und du meintest ja selbst, dass das bereits aussortiert wurden ist 😉

    Gefällt 1 Person

    1. Danke 🙂
      Die Szene war eine der ersten, die ich 2008 für mein inzwischen Dauerprojekt angefangen habe, zu schreiben. Ich hab mal gerade nachgeschaut, die Szene wechselt zu ihrem Bruder, Kieran, rüber 🙂

      Wirklich aussortiert habe ich die Szene nun auch nicht ganz… sie passt jetzt nur nicht mehr in die insgesamt 3 Storylines, die ich bisher im Rahmen des Dauerprojekts geschrieben habe. Wenn ich mal durch die gefühlt (und wahrscheinlich auch in Wirklichkeit so viel) so um die 800+ Seiten an Szenen, Informationen, Charakterbögen etc. durchgearbeitet habe und die beende, wende ich mich vielleicht mal zu dem 4 Handlungsstrang, mit dem ich eigentlich angefangen habe 😉

      Gefällt 1 Person

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