Veröffentlicht in Creative, Kaeldraic

#72 Kaeldraic IV

Auch heute gibt es etwas von Kaeldraic, dieses Mal etwas später in der Geschichte. Alles, was dazwischenliegt, ist im Moment noch nicht vorzeigbar 🙂

 

Viel Spaß beim Lesen!

Ich wachte noch vor dem Morgengrauen mit dem Gefühl auf, nicht mehrere Stunden, sondern Tage geschlafen zu haben. Deanna atmete auf der anderen Seite der Kutsche leise ein und aus und auch Azariahs Atem war ruhig. Gemeinsam bildeten sie kleine Wölkchen, die sich in der Luft jedoch schnell wieder verflüchtigten. Dennoch war es viel zu kalt für den kleinen Azariah. Die kalten Stunden der Nacht würden erst mit dem Morgengrauen wirklich anbrechen.

Vorsichtig, damit ich keinen der beiden weckte, richtete ich mich auf. Bedacht darauf, dass das Holz unter meiner Bewegung nicht knarrte. Ich benutzte einige Haare aus der Decke, schloss kurz die Augen und murmelte: „adhaint tine“. Im nächsten Moment wurde die Luft in der Kutsche deutlich wärmer, ohne, dass sie drückend wurde.

Zufrieden lächelnd, stand ich auf und öffnete leise eine der Türen der Kutsche. In ein dickes Fell gehüllt, schreckte eine Wache, die sich gegen die Kutsche gelehnt hatte, hoch. Es war Carl, Caius‘ kleiner Bruder.

„Lady Kenna!“, sagte er halblaut, als ich mich von der Kutsche entfernen wollte.

„Ich möchte nur runter zum Fluss“, informierte ich ihn mit einem Lächeln. „Du kannst gerne hier bleiben.“

„Sie wissen genau, dass der König es nie verzeihen würde, wenn wir Sie alleine lassen. Wir sind dem Tode geweiht, wenn Ihnen etwas passiert!“, sprang Carl furchterregt auf und folgte mir. Sein Fell rutschte dabei beinahe von der Schulter und er blieb kurz stehen, um es wiederaufzunehmen.

Hier draußen, im mäßig gehenden Wind, war es viel kälter. Wie hatt er nur in dieser Kälte schlafen können? Mich schützte die Magie, die ich nicht nur auf die Luft in der Kutsche, sondern auch auf mich angewandt hatte. Doch egal, wie sehr ich seine Aura analysierte, ich konnte keine Spur einer ähnlichen Magie erkennen.

Carl schien der einzige zu sein, der wirklich wach war; das restliche Lager war noch im tiefen Schlaf. Die beste Zeit, um ungestört Baden zu gehen. Neben meinen Haaren besaß ich ein weiteres Geheimnis, das noch nicht einmal Aedan oder Jurij kannten. Wenn es nach mir ging, sollte das auch noch eine Weile so bleiben.

Zu meinem Erstaunen war der Rand des Flusses mit dünnem Eis bedeckt, obwohl er in der Mitte noch fröhlich in der gleichen Geschwindigkeit wie vor einigen Stunden vor sich her floss. Dadurch, dass die Dämmerung noch nicht eingesetzt hatte, war es beinahe stockduster. Auch der Mond war hinter den Wolken verschwunden und erhellte so nur unzureichend die Umgebung. Wäre ich nicht mit der Gabe der Nachtsicht beschenkt, hätte ich rein gar nichts sehen können. Ideale Bedingungen.

„Lady Kenna, was wollt ihr hier?“, hinterfragte Carl zur Sicherheit und hielt seine Fackel halbhoch, um den Wegzusätzlich zu erhellen.

„Wonach sieht es denn aus, Carl?“, fragte ich ihn mit einem Lächeln und ließ die Tasche, die ich aus der Kutsche mitgenommen hatte, fallen. Es enthielt ein Wechselkleid, dass ich gleich unter den Reisemantel tragen würde. „Ich werde mir ein Bad genehmigen. Wenn du dann so freundlich wärst und dich umdrehst… da wäre ich dir sehr verbunden.“

„Aber Lady Kenna! Das Wasser ist viel zu kalt“, versuchte Carl mich aufzuhalten, doch ich hatte schon begonnen, die erste Schicht meiner Kleidung schon abgelegt.

Er hatte Recht, doch ab und zu konnte ich meine verfluchten Kräfte doch mal für etwas Nützliches einsetzen. „Wenn du dann…?“

Carl schaute mich weiter verständnislos an. Als ich dann doch eine Handbewegung machte, reagierte er fast sofort und drehte sich um, immer noch die Fackel in der Hand.

„Ich glaube nicht, dass so früh schon jemand wach ist“, schob ich wohlwollend hinterher und entledigte mich meines letzten Kleidungsstücks.

Sofort strich der kalte Wind über meine Hand und ließ mich erschaudern, ohne, dass mir wirklich kalt war. Für das wohltuende Bad, das ich mir jetzt gönnen würde, lohnte es sich, den halben Tag ein leichtes Übelkeitsgefühl zu haben.

Neben der Erwärmung des Wassers, das meine Haut berührte, musste ich gleichzeitig die Haut auf meinen Rücken verbergen. Oder besser gesagt, das, was sich darauf befand. Während jeder wusste, dass die Schwester des Königs silbernes Haar hatte, wusste keiner, wie weit die Runen auf meinem Arm wirklich reichten. Selbst mit der Prophezeiung, dass wir die mächtigsten Persönlichkeiten werden würden, brauchte keiner die Anzahl meiner Runen zu kennen. Die Anzahl der Runen, die ein Mensch trug, waren ein Indiz dafür, wie mächtig er war.

Mit der Vollendung meines 16. Lebensjahrs hatte ich meine gesamten Kräfte erhalten, die seit meiner Geburt in mir schlummerten. Es war mit Sicherheit meinen jahrelangen Übungen zu verdanken, dass auch darüber hinaus die Anzahl der Runen gestiegen war. Und bis jetzt hatte ich noch nicht die Grenzen meiner Macht gespürt.

Auch, wenn ich jede Sekunde, die ich unnötig im Wasser verbrachte, nachher bereuen würde, genoss ich sie. Auf der einen Seite war es wirklich selten, dass ich ein solch ausgiebiges Bad genießen konnte. Auf der anderen Seite würde es in den nächsten Tagen kaum einen Moment gegeben, in dem ich so ungestört war.

Dass Carl, je länger ich im Wasser blieb, immer unruhiger wurde, störte mich nicht im Geringsten. Immer darauf bedacht, ja keinen Zentimeter nackter Haut zu sehen, ging er nach einer Zeit am Flussufer auf und ab. Ihm war es sichtlich unangenehm, dass ich so lange brauchte. Um ihn nicht weiter auf die Folter zu spannen, stieg ich aus den Fluten, sobald die Dämmerung anbrach. Viel länger hätte ich mich hier auch nicht aufhalten können, denn Aedan hätte sonst einen Suchtrupp losgeschickt. Immerhin war ich auf dieser Reise sein wichtigstes Gut.

Carl atmete erleichtert aus, als ich nach dem Handtuch griff, um mich abzutrocknen. Ich hatte seine Geduld wirklich zu lange auf die Folter gespannt und irgendwie tat mir das jetzt leid. Deshalb beeilte ich mich mit dem Abtrocken und Anziehen. Meine Haare würde ich erst trocknen und frisieren, wenn ich in der Kutsche saß und die Haare nicht färben musste, damit sie Aedans Forderungen entsprach.

Schnell wickelte ich sie in das feuchte Handtuch ein und band es mir um den Kopf. Mit dem Reisemantel, der mich jetzt wärmte, da ich meine Magie zum Versiegen gebracht hatte – ich wollte ja nicht mehr Schmerzen erleiden, wie unbedingt nötig – sah ich wieder fast so aus, wie vor meinem Bad.

„Los geht’s“, sagte ich fröhlich zu Carl und schulterte meine Tasche, in der ich jetzt die Kleidung von gestern trug. Das schlichte Kleid, für das ich keine fremde Hilfe brauchte, hatte ich jetzt unter dem Reisemantel angezogen.

„Bitte informiert uns über solche Aktionen früher, Königliche Hoheit“, dran auf einmal Caius‘ Stimme an mein Ohr, der nur wenige Schritte vor uns stand. „Wenn ich nicht gewusst hätte, dass dies euer einziges Ziel ist und Carl euch nie alleine lassen würde, hätte ich sofort den König informieren müssen.“

„Mir reicht es, wenn ich ein Mensch in meinem Leben, der glaubt, dieses bestimmen zu können. Nur, weil du zur Leibgarde meines Bruders gehörst, Caius, und dessen Befehle befolgst, bedeutet das nicht, dass du es ihm gleichtun musst.“

Langsam bekam ich eine Ahnung davon, warum Aedan aus seiner mehr als 300 Mann starken Leibgarde nur 14 ausgewählt hatte, die als potentielle Wächter in Frage kamen. Es gab nicht viele, die mir Paroli geben konnten und es auch taten.

„Ihr wisst genau, dass es zu Eurem und unserem besten ist“, bemerkte Caius nur. Seine Aura flackerte und zeigte mir damit, dass das Gespräch für ihn beendet war.

„Kenna! Ich hab mir schon Sorgen gemacht“, begrüßte Deanna mich, als wir das Lager erreicht hatten. Sie saß mit Azariah im Arm auf einen der Baumstämme und wiegte ihn leicht hin und her. „Wo warst denn du?“

„Nicht weit weg. Aedan hätte nicht zugelassen, dass ich mich aus seiner Reichweite entferne“, sagte ich bewusst mit bitterem Unterton. Inzwischen hatte ich das Gefühl, dass Deanna versuchte, einen Keil zwischen Aedan und mir zu treiben. Ein bisschen Öl konnte ich da ins Feuer schon kippen, um zu sehen, wie sie reagierte. Sie sollte ruhig, wie alle anderen, glauben, dass die Beziehung zwischen Aedan und mir nicht gerade rosig war. So würde ich vielleicht mehr über sie erfahren, ohne meine Macht einsetzen zu müssen. „Es ist eben nicht alles Gold, was glänzt.“

Deanna konnte darauf nichts antworten, denn Caius trat jetzt zu uns und bat, dass wir in unserer Kutsche Platz nehmen sollten. „Wir starten in 10 Minuten.“

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