Veröffentlicht in Creative, Unsortiert

#73 – Random

Bei Cadence stecke ich leider immer noch in einer Schaffenskrise, obwohl die Rohfassung schon beinahe fertig ist. Für die Überarbeitung von Kirsten ist mein Kopf deswegen nicht in der Lage, da die beiden Geschichten sich thematisch ähnlich sind.

Was macht also der gelernte Chaot, der mehr Ideen wie Zeit, sie zu schreiben hat? Genau, sich eine dieser Ideen packen und hoffen, dass sie einen nicht so mitreißt, dass man alles andere daneben vergisst.

Nachdem ich ein wenig recherchiert, Notizen gefertigt und diese wiederum gesichtet habe, bin ich über eine Szene gestolpert, die beinahe so alt wie mein Dauerprojekt sein müsste. Auch wenn sie eigentlich für eine Geschichte im Rahmen des riesigen Dauerprojekts gedacht war, bin ich jetzt am Überlegen, ob ich sie nicht zweckentfremde und für diese Idee verwende.

Bis ich mich entschieden habe, könnt ihr lesen, zu was für einer crazy Szene mein Gehirn vor nicht ganz sieben Jahren kam…. Viel Spaß beim Lesen 🙂

 

Ich lief durch einen Wald, wie auf der Flucht, verfolgt von jemanden, den ich kannte und dann wieder doch nicht. Ich kannte diesen Wald, wusste, wie eng die Bäume an der einen, wie weit auseinander sie an der anderen Stelle waren. Wann ich mich bücken musste, um mich an den tiefhängenden Ästen der Fichten nicht zu verletzen. Der Wald war mir so vertraut, dass ich die Fichtennadeln, die mich immer wieder berührten, eher wie sanfte Berührungen empfand, als dass sie mich schmerzhaft stachen.

Es war ein Durcheinander von Gefühlen, weniger das Empfinden von wirklicher Gefahr, die mich dazu brachten, fortzurennen. Wut war dabei, Trauer, aber auch ein tiefer Schmerz, tiefer, als man es sich vorstellen konnte. Ich wusste, dass ich von dieser Person wegmusste, die mich verfolgte. Andererseits würde ich zerbrechen, obwohl die glücklichen Erinnerungen in mir nach dieser Person schrien.

Plötzlich, wie auf ein mir unbekanntes Stichwort, lichteten sich die Reihen der Bäume. Mit meinen Kräften fast am Ende, trat ich aus ihren Schatten auf eine monddurchflutete Lichtung  – was ich allerdings bemerkte, als ich in etwa auf der Mitte dieser Lichtung stand.

Ich drehte mich um, darauf bedacht, nicht das leiseste Geräusch zu machen. Meinen wilden Atem versuchte ich mit aller Macht zu unterdrücken, doch er schien in der Luft zu hallen. Der Wald selbst schien in einer Art Tiefschlaf zu liegen, nicht ein einziger Ton war zu hören. Kein toter Ast, der unter einem Schnitt knackste, nicht das angenehme Rauschen der Nadeln, wenn sie durch den Wind bewegt wurden. Beinahe totenstill.

Deshalb erschreckte mich auch die weiche Stimme, die dunkel hinter mir erklang.

„Du kannst vor ihnen nicht weglaufen“, sagte sie und überzog meinen gesamten Körper mit Gänsehaut.

Es schmerzte, diese Stimme zu hören. Beinahe noch mehr wie die Gefühle zu spüren, die in mir tobten, miteinander um die Vorherrschaft rangen. Die Stimme war sanfter, tiefer als in meiner Erinnerung, doch immer noch dieselbe Stimme, nach der ich mich innerlich verzerrte.

„Was willst du von mir?“, fragte ich den Mann, der nach dem Umdrehen vielleicht zehn Meter, eher noch weniger, vor mir stand. Es war die einzig logische Frage, die sich formen konnte, während meine Gedanken rasten. Während ich gegen den Drang meines Körpers, diesem Menschen näher zu kommen, kämpfte.

„Du kannst vor ihnen nicht weglaufen“, wiederholte er seine Worte, schob dieses Mal aber so etwas wie eine Erklärung hinterher. Beantwortete mir damit meine Frage nicht. „Die Trauer, der Schmerz, deine unbändige Wut… sie werden dir überall hin folgen. Sie sind ein Teil von dir. Erst wenn du sie akzeptierst, werden sie vergehen.“

Mein Körper befand sich mit meinem Verstand im Kampf, als er mit zwei, vielleicht drei Schritten näher an mich herantrat. Mein Körper wollte niemand anderes so nahe haben wie diese Person. Mein Verstand dagegen fürchtete sich vor dem Schmerz der plötzlich wiederkehrenden Einsamkeit, wenn er verschwinden würde.

Meine Augen waren währenddessen auf seine Gestalt gerichtet, wollten die Auswirkungen des Mondlichts auf ihn einfangen. Ebenso wie das halbhohe Gras, das um unsere bloßen Füße sich im leicht aufkommenden Wind hin- und herwiegte, reflektierte sein helles Haar das Licht des Mondes. Seine Augen strahlten durch das Licht so hell, dass es unmöglich war, die richtige Farbe seiner Iris zu erkennen. Es betonte sanft seine markanten Gesichtszüge, sowie seine ausgeprägten Muskeln unter dem nachlässig geschlossenen Hemd.

Sein Anblick versetzte meinem Herzen ein Stich, denn es erkannte, dass sich nichts geändert hatte, seit ich ihn das letzte Mal gesehen hatte. Es tat beinahe weh, ihn anzuschauen.

Für einen Moment kam dadurch mein Gefühlskarussell ins Stocken, war verwirrt, ob nicht doch eines der Gefühle die Vorherrschaft übernehmen würde. Doch mit der Erkenntnis, dass dieser Mann es war, vor dem ich weggelaufen war, begann es sich wieder zu drehen. Trieb die Gefühlsmischung zur Höchstleistung an und wollte mich damit zwingen, mich von diesem Menschen zu entfernen.

Aber sein Anblick fesselte mich, wenn auch nur für diesen schwachen Moment.

„Du hast leicht reden“, sagte ich fast tonlos, aus Angst, meine Stimme würde versagen. Während ich innerlich scheinbar alles dafür tat, mich von ihm, von dem Ort, an dem ich stand, zu lösen.

Jetzt stand er direkt vor mir, nicht einmal eine Handbreit entfernt. Seine Augen funkelten, vor Traurigkeit und auch vor Liebe. Ich realisierte letzteres zu spät, den sonst hätte ich mich mit Sicherheit rechtzeitig wehren können, als er sich jetzt hinunterbeugte und mich sanft küsste.

Der Kuss jagte wie ein Stromschlag durch meinen Körper. Entfachte einen Wind in mir, der nicht vorhandene, geistige Türen in mir zuschlug, während er gleichzeitig ungeahnte, neue Durchgänge schuf. Er verbreitete Unruhe in mir; brachte so für einen weiteren Moment das Gedankenkarussell zum Stehen, während sich meine Empfindungen darauf konzentrierten, diesen Kuss erwidern zu wollen.

Mein Verstand wehrte sich unterdessen nach wie vor gegen seine Anwesenheit. Ich wollte wie reflexartig einen Schritt zurück und damit fort von ihm tun. Doch er stoppte mich mit dem leichten Druck seiner Hand, die auf dem unteren Ende meiner Wirbelsäule lag. Für einen Moment vertiefte er den Kuss, bevor er sich löste.

Ein Kaleidoskop von Gefühlen lief über sein Gesicht, doch er hatte sich schneller unter Kontrolle, als dieses aufgetaucht war. Mit wehmütigen Blick ließ er die Strähne meines Haares los, die er sich um einen Zeigefinger gewickelt hatte.

strich er mir eine lose Strähne aus dem Blickfeld, wich meinem Blick jedoch aus.

„Es ist noch zu früh“, meinte ich ihn murmeln zu hören, bevor er sich zu meinem linken Ohr beugte. „Hör auf dein Herz, denn nur das kennt die Wahrheit.“

Mit dem Schritt, den er zurücktrat, erfasste der Wind meine Haare und wehte mir einige Strähnen ins Gesicht. Als ich sie zurückgestrichen war, war er verschwunden und der Mond halb von Wolken überdeckt. War das wirklich Nebel, der dort hinten im Wald aufkam?

Ich wusste es nicht, konnte es auch nicht richtig das bestimmen, was meine Augen sahen. Denn alles, auf das sich meine Wahrnehmung konzentrierte, war der Kuss, der auf meinen Lippen brannte.

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