Veröffentlicht in Creative, Kaeldraic

#75 Kaeldraic – V

Wie steht ihr zu Überraschungsbesuchen eurer Geschwister?

Viel Spaß beim Lesen!

Einer der Dienstboten hatte in der Zeit, die ich mich vom Lager entfernt hatte, die Kutsche wieder reisefähig umgebaut und uns in einem kleinen Korb das zubereitete Frühstück dagelassen. Wir schwiegen, während wir das Frühstück einnahmen und auch als ich damit begann, meine hüftlangen Haare von den Knoten, die sich durch das Eindrehen gebildet hatten, zu befreien. So hatte ich ein wenig Zeit, über Deanna nachzudenken und dabei die Landschaft zu beobachten, die an den zurückgezogenen Gardinen vorbeizog.

Als wir gegen Mittag noch einmal kurz anhielten, damit wir uns die Beine vertreten und die Diener ein rasches Essen zubereiten konnten, hatte Deanna nicht ein Wort mit mir geredet. Auch dieses Mal war Carl es, der mich auf meinem kleinen Spaziergang begleitete und sichtlich froh darüber war, dass ich mich nicht allzu weit vom Lager entfernte.

Mit dem bloßen Auge war der Sturm, den eine Wetterfrau vorhergesagt hatte, noch nicht zu sehen. Doch ein kurzer Blick auf Aedan reichte mir aus, um zu erkennen, dass auch er diesen in Form einer inneren Unruhe spürte. Wir beide wussten, dass wir es nicht bis zum Abend in die Gaststätte schaffen würden, wenn wir länger als nötig Rast machten. So war es kein Wunder, dass die Diener auch dieses Mal das Essen in kleine Portionen auf die Kutschen verteilten und wir so schnell wie möglich wieder unterwegs waren. Dennoch trieb Aedan die Reisegruppe immer wieder an, er selbst führend auf einem weißen Wallach voraus.

Deanna und ich redeten auch am Nachmittag nur das nötigste miteinander; anscheinend hatte ich sie mit meiner Aussage heute Morgen über Aedan gekränkt. Während des Tages dachte ich daran, zum Schein mich bei ihr zu entschuldigen, da ich wissen wollte, wie sie dann reagierte. Doch dann war nicht nur mein ganzer Plan im Eimer, ich hatte meine Worte durchaus ernst gemeint.

In der Kutsche hatte ich es zwar schon gemerkt, doch als wir vor dem Gasthof hielten, hatte der Wind deutlich zugenommen. Die Dunkelheit, die nur durch die spärlichen Laternen vor dem Hof unterbrochen wurde, war schon längst angebrochen. Deanna stieg sofort aus der Kutsche aus, sobald diese hielt und wies die Diener an, nur das nötigste mitzunehmen. Sie war im Haus verschwunden, bevor irgendjemand es sie aufhalten konnte.

Ich stieg da gemächlicher aus und hatte, bevor ich mich versah, Caius an meiner Seite. Während des Tages hatte ich ihn ein einige Male direkt neben der Kutsche reiten sehen, doch meistens war er außerhalb meines Blickfelds geblieben.

„Euch ist ein Zimmer auf der mittleren Etage zugeteilt worden“, informierte er mich. „Der König möchte, dass ihr mit Lady Calissa dieses Zimmer teilt.“

Obwohl ich mich bemühte, nicht mein Unmut über diese Entscheidung in meinen Gesichtszügen sehen zu lassen, erkannte ich an dem Glitzern in Caius Augen, dass er es dennoch bemerkt hatte. Nur unsere älteste Halbschwester trug neben Aedan und mir den Nachnamen Kaeldrac, da sie ein eheliches Kind meines Vaters war. Alle anderen trugen den Nachnamen Calissa oder eben in Kombination mit dem Adelstitel der Mutter.

Auf diese Reise war nur eine Lady Calissa mitgenommen; unsere um zwei Jahre ältere Cousine Cynthia, die Tochter unserer Tante väterlicherseits. Sie war uns Zwillingen noch nie wohlgesonnen gewesen. Mit ihr die Nacht im Gasthaus zu verbringen, würde nicht angenehm werden. Warum hatte Aedan, der natürlich von der gegenseitigen Abneigung musste, uns gemeinsam ein Zimmer zuweisen lassen? Wir hatten doch mit Sicherheit den gesamten Hof zur Verfügung.

Innerlich mich immer wieder ermahnend, doch ja nicht unfreundlich zu Cynthia zu sein, folgte ich Caius durch die Eingangshalle, die Treppen hoch bis zum Zimmer. Doch zu meiner Erwartung saß nicht Cynthia auf einem der Betten.

„Wenn er seien Verwandtschaft reduzieren möchte, gibt es einen einfacheren Weg“, begrüßte mich meine um sieben Monate ältere Halbschwester Reesa mit einem Lächeln. Ihre Augen funkelten; das war also ihre Idee gewesen. „Ich hab mir gedacht, es ist nicht verkehrt, wenn ich mich hier einquartiere.“

„Reesa!“, schüttelte ich da nur den Kopf und ließ mich von ihr umarmen. Von all unseren Halbgeschwistern war sie mir die liebste. Sie ignorierte schon von klein auf die Prophezeiungen und auch die Edikte, die unser Vater Noctis erlassen hatte, und war immer unvoreingenommen gewesen. Vielleicht lag es ja an dem geringen Altersunterschied oder an den schwarzen Haaren, die bei ihr ebenso leuchteten, wie bei Aedan, doch ihr fühlte ich mich von allen am nächsten.

Seit vier Jahren hatte sie eine Position in Aedans Beraterstab inne und verbrachte gut zwei Drittel des Jahres außerhalb des Palasts. Doch wenn sie zuhause war, ließ sie keine Gelegenheit aus, mich zu besuchen. Reesa hatte mir schon oft von den missbilligenden Reaktionen unser anderen Geschwister erzählt, die seit jeher Abstand von uns Zwillingen nahmen. „Du warst doch…“

„Ich habe Aedan gedroht, dass ich mein Amt niederlege, wenn er mich nicht mitnimmt. Und da er nicht auf mich verzichten kann… Ich kann mir echt bessere Reisegesellschaft als Deanna vorstellen. Eine Bemerkung von dir gegen Aedan und du bist bei ihr unten durch“, plapperte Reesa fröhlich und zog mich zum Bett, auf dem sie bis vor wenigen Momenten gesessen hatte. „Sie hat Angst vor dir, nicht nur wegen der Prophezeiung.“

„Das hätte ich vorher wissen müssen“, scherzte ich. „Wir haben sowieso nicht viel miteinander geredet. Ich denke, ich bin besonders ihr ein Dorn im Auge. Immerhin dreht sich auf der Reise nichts um sie oder ihre Geburt des Thronfolgers, der ja vielleicht keiner ist.“

„Umso besser. Sie weiß, dass sie ihre Zunge zügeln muss, wenn es um dich geht. Selbst als Mutter seines Erben kann sie sich nicht alles erlauben, was sie ihr die Ereignisse der letzten Wochen wohl gelehrt haben.“

„War es wirklich so schlimm? Stimmen die Gerüchte wirklich, dass Aedan aus fadenscheinigen Gründen langjährige Freunde und Vertraute dem Tod geweiht hat?“

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