Veröffentlicht in Creative, Kaeldraic

#78 – Kaeldraic VI

Vertraut ihr auf die Informationen, die eure Geschwister euch geben? Seid ihr immer sicher, dass sie der Wahrheit entsprechen?

Viel Spaß beim Lesen.

„War es wirklich so schlimm? Stimmen die Gerüchte wirklich, dass Aedan aus fadenscheinigen Gründen langjährige Freunde und Vertraute dem Tod geweiht hat?“

Reesa war die einzige, die mich mit wahrheitsgetreuen Informationen, die das Leben außerhalb meines Turms betraf, versorgte. Ich machte mir selten die Mühe mithilfe meiner Kraft etwas Neues zu erfahren und auch bei Jurij vermied ich, das Thema anzuschneiden. Im Gegenzug dazu hungerte ich praktisch nach jedem kleinen Happen, den man mir vorwarf.

Als Antwort nickte Reesa zunächst nur traurig und reichte mir eine Tasse warmen Tees, der ihr vor meinem Eintreten bereits gebracht worden war. „James und Matt sind allerdings die einzigen, die der breiten Öffentlichkeit bekanntgemacht wurden. Klar hat ihr Hochverrat eine wichtige Rolle gespielt, doch ich denke, die Intrigen dich betreffend haben den Ausschlag gegeben. Die anderen, die in den letzten Monaten Zweifel an der Monarchie und deinen Fähigkeiten deutlich gemacht haben, sind an der Front gestorben. Damit hat Aedan jedoch seine legalen Mittel ausgeschöpft und die Glaubwürdigkeit seiner Entscheidungen erheblich herabgesetzt. Deshalb gab es ja auch so Protest, als du uns auf diese Reise begleiten solltest.“

„Davon hab ich gar nichts mitbekommen. Aedan hat erst wenige Stunden vor der Abfahrt mir mitgeteilt, dass die Reise auch für mich gilt. Wie sieht es an der Front aus?“, schwenkte ich um.

James und Matt waren nicht die einzigen, die seit der Inthronisierung meines Bruders ums Leben gekommen waren, vorrangig wegen Verrat an der Krone. Zum Teil hatte das damit zu tun, dass viele den Wortlaut der Geburtsprophezeiung zu Recht nicht kannten und dementsprechend falsch handelten. Daneben gab es eine weitere, beinahe genauso wichtige Zukunftsvision, deren Existenz sowohl mein Vater, als auch Aedan versuchten, geheim zu halten. Nur der engste Beraterstab der beiden war in sie eingeweiht worden.

„Nicht gut. Wir fahren in den letzten Wochen zwar stetig weniger Verluste ein, doch es wird immer schwerer, unsere Grenzen adäquat zu verteidigen. Wir brauchen dringend die ausgebildeten und ausgeruhten Truppen von Lord Dove, oder sie überrennen über kurz oder lang die Grenzregion.“

Reesa nahm einen tiefen Schluck von ihrem Tee und setzte sich bequemer hin. „Da Aedan das weiß, konnte er sich gegen seine Forderung nicht aussprechen. Obwohl es ganz schön schwergefallen muss, dich aus deinem Verlies herauszuholen.“

„Jede Entscheidung von ihm, die gegen die geltenden Regeln verstößt, könnte das Schicksal verändern“, sprach ich die Worte, die uns beide in den Sinn kamen. Wie oft hatten wir diese Worte unseres Vaters gehört. Ihm war es nicht leichtgefallen, mich in den Turm zu sperren, obwohl es die Prophezeiung besagte.

„Es hat sich nichts geändert“, schob ich hinterher. Sie fragte zwar nie danach, doch ich wusste, dass es sie interessierte, wie der derzeitige Stand der Dinge war. Wie keine andere auf dieser Welt, außer uns, setzte sie alles auf die Abwendung der Prophezeiung.

„Das wird es. Die Hochzeitsfeier wird deinen Horizont erweitern. Selbst durch den langjährigen Krieg hindurch konnte die Dove-Dynastie ihren Handel mit den umliegenden Ländern aufrechterhalten. Wir Kaeldraicer werden nicht die einzigen sein, die bei der Hochzeit anwesend sein werden“, schmunzelte Reesa und stellte ihre Tasse ab. Aus den Augenwinkeln hatte ich mitbekommen, wie eine Person halb in den Spalt getreten war, die die angelehnte Tür freiließ.  „Komm, lass uns ein heißes Bad nehmen. Du bist mit Sicherheit genauso durchgefroren wie ich.“

Ich nickte. „Du glaubst gar nicht wie.“

Reesa war schon aufgestanden und tauschte einen Blick mit der Bediensteten aus, die nickte, bevor sie sich zu mir umdrehte. „Ich habe einen kleinen Raum für uns im Badehaus vorbereiten lassen. Da sind wir ungestört.“

Erleichtert lächelte ich der Bediensteten zu, die sich daraufhin umdrehte und uns durch die Gänge führte. Das Badehaus war ein wenig abseits vom eigentlichen Gästehaus errichtet worden (wahrscheinlich wegen der ständig brennenden Holzflamme) und war durch einen gut gepflegten Glasgang zu erreichen. Auf dem Weg dorthin begegneten uns nur einige Diener, die schnell Platz machten, um ja nicht in meine Nähe zu kommen.

„Du verbindest immer noch deinen Arm?“, fragte Reesa, als ich nach ihr in den Raum kam und ins Wasser stieg.

„Alte Gewohnheit“, zuckte ich mit den Schultern und ließ mich ihr gegenüber, gegen die Wand gelehnt, nieder. „Die legt man nicht so schnell ab.“

„Es gibt nicht viele Menschen in Kaeldraic, die Magie ausüben. Wahrscheinlich würdest du sie nur erschrecken“, stimmte Reesa sorgenvoll zu und begann, von ihrer gegangenen Reise zu erzählen.

Reesa gehörte zu dem Teil des Inneren Kreises unseres Bruders, der Informationen aus dem gesamten Land und manchmal auch aus den Nachbarländern sammelten, verwertete und die wichtigsten an Aedan weiterleiteten. Es gab verschiedene Abteilungen dieses Informationsdienstes, an deren Spitze Reesa stand.

Nach einer Zeit merkte ich, dass nicht nur das warme Wasser, sondern auch Reesa der Grund war, warum ich mich entspannte. Erst jetzt fiel mir auf, dass ich die ganze Zeit, seit ich den Turm verlassen hatte, unter Hochspannung gestanden hatte. Zum einen, weil ich nicht wusste, was mich erwartete, zum anderen, das musste ich mir eingestehen, weil ich auch Angst davor hatte. Es konnte so viel passieren auf dieser Reise. Sie konnte so viele Folgen haben.

„Wahnsinn, seit wann reichen sie denn auch auf den Rücken?“, unterbrach Reesa ihren Redefluss, als ich mich für einen Moment aufrichtete, um eine andere Position einzunehmen. Im nächsten Moment spürte ich, dass sie einzelne Runen auf meinem Rücken nachfuhr. Sobald sie erschienen, war es, als hätte sie mir jemand mit Farbe eingeritzt. Vielleicht hatte ich deshalb Schmerzen, wenn ich Alpträume hatte oder meine Kraft auflud, indem ich mit Jurij schlief. Doch in Wirklichkeit wusste ich nicht, warum sie so in Erscheinung traten.

„Keine Ahnung. Seit ein paar Monaten?“, zuckte ich leicht unter ihrer Berührung zusammen.

„Ich hab ja so gar keine Ahnung von Magie, aber mir sind auf all meinen Reisen keine Menschen unter die Finger gekommen, die so mächtig sind, wie Aedan und du. So mächtig, dass selbst jemand, der so kein Gespür für so etwas hat, inzwischen sensibilisiert ist. Und das, obwohl ihr beide noch nicht einmal im großen Stil praktiziert“, zog Reesa sich wieder zurück, die merkte, dass mir das ganze unangenehm war.

Ich zuckte nur mit den Schultern und erwiderte nichts darauf. Es brachte nichts, mit Reesa über die Gründe zu diskutieren.

Auch Reesa schwieg, doch irgendwann lenkte sie dann das Gespräch wieder auf oberflächliche Gedanken und gab mir damit Gelegenheit, mein inneres Gleichgewicht zu suchen. Dass ich es in dieser Nacht nicht finden würde, war mir in dem Moment irgendwie klar, auch wenn ich es verdrängte.

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