Veröffentlicht in Creative, Kaeldraic

#82 – Kaeldraic VIII

Schon mal von einem Alptraum aufgewacht? Nein? Kenna schon. Doch was hat Kenna geträumt, dass sie schreiend davon aufwacht?

Viel Spaß beim Lesen!

Aedan befand sich zu dem Zeitpunkt, als Deanna beschloss, ihm zu folgen, ein Stockwerk tiefer, kurz vor dem Zimmer seiner Zwillingsschwester. An seiner eigenen Unterkunft hatte er die Begleitung der Wachen abgelehnt, denn er wusste, dass nicht nur auf den Gängen überall Wachen standen, sondern auch, dass das viel zu sehr Aufhebens machte. Wer nicht durch den Schrei wach geworden war, würde es durch die Schritte vieler Menschen werden. Dennoch war ihm Ciaran gefolgt.

Es war weniger ihr Schrei, mehr der Alptraum gewesen, in den er bis kurz vor dem Schrei gefangen gewesen war. Er kam nur Alpträume, wenn Kenna von der Prophezeiung träumte. Je schlimmer diese Träume waren, desto schlimmer war das, was Kenna offenbart wurde. Es war immer ein Hinweis darauf, dass er den falschen Weg eingeschlagen hatte.

Manchmal dauerte es Monate, bis eine seiner Entscheidungen den Ausschlag dafür gab, Kenna eine weitere Nuance der Vision zu zeigen. Dass es dieses Mal so schnell ging, und, dass dieser Alptraum so heftig gewesen war, konnte eigentlich nur als schlechtes Omen gedeutet werden. Auch, dass sie im Abstand von nur wenigen Tagen von der Prophezeiung geträumt hatte. Wie sehr musste sich Kenna da erschrocken haben?

Als er den Gang, auf dem ihr Zimmer lag, betrat, fehlte die Wache vor ihrer Tür. Er hatte Caius Farell doch deutlich die Anweisung gegeben, dass sie Kenna nie aus den Augen lassen durften, keinen Augenblick. Doch als er durch die geöffnete Tür trat und Caius ein wenig hilflos am Fenster stehen sah, kühlte sich seine Wut schlagartig wieder ab. Caius musste ins Zimmer gestürmt sein, als er den Schrei gehört hatte.

Aedans Blick wanderte über die Möbel im schwach erleuchteten Raum und suchte Kenna, die zweifellos der Ursprung des erbitterten Weines war, das leicht unterdrückt zu hören war. Warum das so war, erkannte er, als der Schein der Lampe, die Ciaran mitgebracht hatte, auf sie fiel.

Reesa, ebenso leicht bekleidet wie Kenna, drückte sie an ihre Brust und wiegte sie mit leise beruhigenden Worten in ihren Armen. Ihre linke Hand strich dabei beruhigend über Kennas Rücken, doch Aedan hatte das Gefühl, dass das eher das Gegenteil bewirkte.  Zum ersten Mal sah Aedan direkt, was für Auswirkungen die Visionen für Kenna hatten und wenn er ehrlich war, erschreckte es ihn zutiefst. Was mochte Kenna nur gesehen haben, dass es ihr so ein Schreck eingejagt hatte? Für ihn hatte es eigentlich keine Veränderung des Alptraums gegeben, auch wenn er mit einer unerwarteten Heftigkeit gekommen war…

Reesa, die gesehen hatte, wer eingetreten war, löste sich nach und nach vorsichtig von Kenna und überließ es ihm, sie zu trösten. Aedan wusste nicht, wie sie die Visionen sonst erlebte und mit ihnen fertig wurde, denn meistens zögerte er, direkt zu ihr zu gehen. Da er glaubte, dass sie selbst ein wenig Zeit brauchte, um das zu verarbeiten, was sie gesehen hatte. Jetzt war er sich nicht so sicher, ob das dies die richtige Vorgehensweise war.

Kennas Anblick erinnerte ihn so sehr an ihre ersten, gemeinsamen Jahre, dass er jetzt derjenige war, der sie liebevoll in den Arm nahm. Als nur noch trockenes Schluchzen aus ihr kam und die Tränen schon lange versiegt waren, fragte er: „Was hast du gesehen?“

So sehr er sie damit alleine lassen wollte, musste er unbedingt wissen, was geschehen war. Er musste wissen, was für Auswirkungen es gehabt hatte, die Entscheidung, sie mitzunehmen, getroffen zu haben. Doch Kenna antwortete lange nicht. Ciaran, der wohl meinte, dass das an der inzwischen großen Zuhörerschaft lag, die sich im und ums Zimmer herumtummelte, sorgte dafür, dass einige in ihre Quartiere zurückkehrten.

Kenna schien jedoch einfach noch einige Momente gebraucht zu haben, um sich zu sammeln, denn sie sprach inmitten des kleinen Chaos, das Ciaran angeleiert hatte. „Es ist schrecklich Aed… so etwas will ich nie mehr wieder sehen“, sagte sie und der Schreck war deutlich in ihrer Stimme zu hören. „Ich hab mich all die Jahre gefragt, warum ich die Ereignisse zum Ende der Prophezeiung so deutlich gesehen habe. Jetzt weiß ich, wieso: ich bin mittendrin, wenn es passieren wird.“

Aedan stieß die Luft aus, die er bei ihren ersten Worten unwillkürlich angehalten hatte. Er würde es nie zulassen, dass sie ihn auf das Schlachtfeld begleitete. Alleine schon deswegen, weil er nicht wollte, dass sie verletzt wurde und seine letzten Momente mitbekam. Was würde nur an seinem Todestag passieren, dass er sie mitnahm? Wie schrecklich würde der Krieg denn noch werden?

Der einzige Grund, der ihm einfiel, warum sie ihn begleiten sollte, war, dass er ihre Magie brauchte. Doch wozu brauchte er auf dem Schlachtfeld ihre Vorhersage der Zukunft? Oder hatte Kenna in den letzten Jahren ihre Kraft weiterentwickelt? Schlief sie deshalb mit Jurij, weil sie nicht warten wollte, bis ihre Kraft sich nach ihrem Einsatz wieder von selbst auflud? Doch was konnte sie in diesem kleinen Raum, in dem sie gezwungenermaßen lebte, groß anrichten?

Kennas nächste Worte fesselten jedoch wieder seine Aufmerksamkeit. „Links und rechts von mir starben so viele Menschen, während mich keiner der Pfeile traf. So viele Tote… so viel mehr wie sonst … in einer so kurzen Zeitspanne. Du warst weiter vorne, umgeben von deinen engsten Vertrauten, und doch so nah. Ein Schneesturm kam auf, doch die Seldracer waren unerbittlich. Unsere Verteidigungslinie konnte sie nicht mehr aufhalten und so fiel die Gruppe um dich herum immer weiter zurück…“

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